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Sitzvolleyball: Nach dem Umbruch die WM-Qualifikation als Ziel

03.11.2017 von Eva Klavzar

Neuer Trainer, neue Stammkräfte, alter Erfolg? Die deutsche Sitzvolleyball-Nationalmannschaft spielt bei den Europameisterschaften im kroatischen Porec erstmals seit dem großen Umbruch bei einem internationalen Turnier

Sitzvolleyball: Nach dem Umbruch die WM-Qualifikation als Ziel

„Ich reise mit einem anderen Gefühl an und werde mich überraschen lassen, wie das Turnier wird“, sagt der neue Kapitän Stefan Hähnlein: „Wir wissen nicht wirklich, wo wir international stehen.“ In einigen Tagen wird das neu formierte deutsche Team schlauer sein. Denn vom 6. bis 12. November 2017 finden im kroatischen Porec die Sitzvolleyball-Europameisterschaften statt.

Erfahrene Spieler wie Jürgen Schrapp, Heiko Wiesenthal, Christoph Herzog oder Thomas Renger haben ihre Nationalmannschafts-Karrieren beendet, viele neue Spieler sind dazugekommen. Beim abschließenden Vorbereitungsturnier, dem Zühlsdorf-Cup in Leverkusen, gab es Siege gegen die Niederlande und ein Allstar-Team, auch der abschließende Lehrgang in Duisburg war vielversprechend. Und doch sagt Hähnlein: „Mit den älteren, erfahrenen Leuten sind wir immer mit einer größeren Erwartungshaltung angereist. Jetzt müssen wir uns erst mal international bewähren und können dann darauf aufbauen.“

Auch der Trainer ist neu. An der Seitenlinie steht jetzt Michael Merten, der Rudi Sonnenbichler beerbte. Der 48-Jährige aus Planegg bei München hat seit 1993 die A-Lizenz, seit 1997 ist er Diplomtrainer. Sitzvolleyball war Neuland für ihn. „Ich habe mir erst mal stundenlang Videos von allen möglichen Turnieren und Nationen angeschaut“, erzählt er: „Technik, Taktik und Regeln sind spezifischer, aber Ansprache und Teamführung sind wie in meinen anderen Jobs auch. Es geht darum, die Schwächen der Gegner auszunutzen und gleichzeitig unsere Angriffsfläche zu minimieren.“

„Jetzt sind wir jüngeren Spieler eben in der Pflicht“

Mit Alexander Schiffler und Torben Schiewe sind nur noch zwei Akteure für Porec nominiert, die schon bei den Paralympics 2012 und 2016 tragende Rollen hatten und beim größten Erfolg, der Bronze-Medaille in London 2012, auf dem Feld saßen. „Jetzt wird es vor allem auch auf die drei Leverkusener ankommen“, sagt Merten und meint damit neben Kapitän Hähnlein auch Dominik Albrecht und Lukas Schiwy: „Sie müssen wie auch Martin Vogel und Florian Singer auf und neben dem Platz mehr Verantwortung übernehmen. Leider kann uns Mathis Tigler aus ausbildungstechnischen Gründen nicht helfen, aber wir sind eben keine Profisportler, da kommt das mal vor.“

Hähnlein ist seit acht Jahren Nationalspieler, mit seinen 27 Jahren hat er genug Erfahrung, „und die ist auch wichtig, um zu antizipieren, wo der Ball als nächstes hinkommt oder wie man in Stresssituationen reagiert. Der Druck ist für uns keine Last, sondern ich denke, dass wir gut damit umgehen können. Früher konnten wir die Verantwortung an die älteren Spieler abgeben, jetzt sind wir eben in der Pflicht.“

Die Europameisterschaft ist der Anfang auf dem Weg zu den Paralympics 2020 in Tokio, dem Fernziel, auf das hingearbeitet wird. Nach der Gruppenauslosung hatte es schon so ausgesehen, als hätte die deutsche Mannschaft mit der Ukraine und Aserbaidschan eine schwere Gruppe erwischt, doch dann zog Aserbaidschan zurück, die Türkei rückte nach. „Tendenziell sind unsere Chancen dadurch gestiegen, aber über die Türkei wissen wir kaum etwas – außer, dass sie wohl viel Geld in den Volleyball investiert haben. Die Ukraine ist sowieso eine Top-Nation“, erklärt Hähnlein.

Das Ziel formuliert er dennoch offensiv: „Wir wollen die Gruppe gewinnen, aber ich kann auch mit einem zweiten Platz zufrieden sein, wenn wir gut spielen. Ab dem Viertelfinale wird gelost, dann entsteht sowieso eine ganz neue Situation.“ Hähnlein hat die Erwartung, sich für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in den Niederlanden zu qualifizieren, „dafür müssen wir entweder zu den Top fünf der Weltrangliste gehören oder bei der EM unter die ersten Drei. Das wäre auf jeden Fall ein schönes Ergebnis.“

Dort gäbe es auch die erste Möglichkeit, das Ticket für die Paralympics zu lösen, wobei dafür das Finale Pflicht wäre. 2019 qualifizieren sich dann die Kontinentalmeister, 2020 gibt es ein Interkontinentalturnier, bei dem die letzten Plätze ausgespielt werden. „Dort werden wir wohl unsere Chance bekommen, davor wird es richtig hart. Aber für eine deutsche Sitzvolleyball-Nationalmannschaft war die Paralympics-Qualifikation schon immer ein großer Kampf, weil es in der europäischen Zone so starke Konkurrenten gibt. Da kommt man fast nicht daran vorbei, auch mal Russland oder Bosnien-Herzegowina zu schlagen – auch wenn es bei denen vielleicht auch einen Umbruch nach Rio gegeben hat, weil viele Spieler schon älter waren“, sagt Hähnlein und fügt hinzu: „Wir warten zunächst die EM ab, um zu sehen, wo wir stehen – um dann am Ziel Tokio 2020 arbeiten zu können.“

Schwere Gruppe für die deutschen Damen

Eine schwere Gruppe hat auch die Damen-Nationalmannschaft erwischt: Mit der Ukraine, Russland und den Niederlanden sind die europäischen Top-3-Teams der aktuellen Weltrangliste Deutschlands Vorrundengegner, dazu kommen die Italienerinnen, gegen die am Montag um 11.30 Uhr das erste Spiel sein wird. „Das wird das wichtigste Duell und direkt richtungweisend, um Platz vier in der Gruppe zu sichern. Die Italienerinnen sind mit uns auf Augenhöhe, jeder Platz weiter vorne wäre ein Bonbon und eine Belohnung für die vielen harten Trainingswochenenden in diesem Jahr“, sagt Cheftrainer Mats Bastian Gerhard, der auf drei Stammspielerinnen verletzungsbedingt verzichten muss.

Mit Sonja Scholten, Ann-Christin Maier und Marlies Dreblow sind aber neue Spielerinnen dazugekommen, die sich langsam an das internationale Top-Niveau herantasten. „Sie bekommen jetzt sofort die Chance, sich zu beweisen“, sagt Gerhard: „Wir wollen uns von Spiel zu Spiel steigern und wichtige Erfahrungen im Hinblick auf die WM 2018 sammeln.“

Die deutschen Teams im Überblick:

Damen: Marlies Dreblow (55 / Großenhain / SSC Berlin), Salome Hermann (32 / Marbach am Neckar / Anpfiff Hoffenheim), Katharina Kleeblatt (39 / Berlin / SSC Berlin), Mandy Küsel (40 / Magdeburg / HSV Medizin Magdeburg), Ann-Cathrin Maier (29 / Heidelberg / Anpfiff Hoffenheim), Sonja Scholten (29 / Waldbröl / TSV Bayer 04 Leverkusen), Elisabeth Sieck (32 / Berlin / SSC Berlin).

Herren: Dominik Albrecht (30 / Bocholt / TSV Bayer 04 Leverkusen), Claus Ellinger (37 / Stuttgart / SV Salamander Kornwestheim), Magnus Fischer (26 / Bückeburg / Anpfiff Hoffenheim), Stefan Hähnlein (27 / Berlin / TSV Bayer 04 Leverkusen), Theo Koch (21 / Geesthacht (Schleswig-Holstein) / TSV Bayer 04 Leverkusen), Torben Schiewe (32 / Celle / MTV Eintracht Celle), Alexander Schiffler (35 / Dresden / Dresdner SC 1898), Florian Singer (19 / Dresden / Dresdner SC 1898), Stefan Strauß (34 / Weißenfels (Sachsen-Anhalt) / BV Leipzig), Francis Tonleu (40 / Akonolinga (Kamerun); Wohnort: Koblenz), Martin Vogel (45 / Sao Paulo; Wohnort: Esslingen / TV Nürtingen).

Quelle: Nico Feißt / DBS

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