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Kanada vor Augen, PyeongChang im Blick

07.12.2017 von Eva Klavzar

Kanada vor Augen, PyeongChang im Blick

Die deutschen Para-Skilangläufer und -Biathleten haben über den Sommer geschuftet – Der Weltcup-Start in Canmore (9. bis 17. Dezember) wird zu einer ersten Standortbestimmung auf dem Weg zu den Paralympics. Wenn sich an diesem Mittwoch die deutsche Nationalmannschaft Para Ski nordisch ins Flugzeug gen Westen setzt, dürfte die Gefühlslage der acht Athletinnen und Athleten an Bord irgendwo zwischen Aufregung und Vorfreude liegen. Monatelang haben sie auf den Auftakt der paralympischen Saison hingearbeitet, fast alle schraubten ihre Trainingsumfänge signifikant nach oben.

„Wir haben uns sehr gut entwickelt. Aber wo wir tatsächlich stehen, zeigt sich erst im Vergleich mit den anderen Nationen“, sagt Bundestrainer Ralf Rombach. Die Rennen von Canmore in der kanadischen Provinz Alberta und die des Heim-Weltcups in Oberried (Schwarzwald, 20. bis 28. Januar 2018) sind dabei nur das Aufwärmprogramm für den alles überstrahlenden Saisonhöhepunkt, die Paralympischen Spiele vom 9. bis 18. März 2018 im südkoreanischen PyeongChang. Für die allerdings muss sich jeder Einzelne erst qualifizieren. Sicher dabei ist, wer bei einem Weltcup-Start mindestens Dritter wird, ein vierter Platz reicht unter Umständen ebenfalls.

Die geringsten Schwierigkeiten im Kampf mit der Norm dürfte Martin Fleig (Ring der Körperbehinderten Freiburg) haben. Der 28-jährige Doppelweltmeister von Finsterau 2017 und Gesamtweltcupsieger im Biathlon sitzend steigt als Gejagter in den Schlitten. Der Gundelfinger will seinen eigenen gewachsenen Ansprüchen gerecht werden, ohne sich zu sehr unter Druck setzen zu lassen. Er weiß: „Mit den Paralympics vor Augen werden alle in die Vollen gehen.“

Russlands Athleten kehren zurück – vorerst 

Hinzu kommt: Nach einjähriger Zwangspause kehren die starken russischen Athletinnen und Athleten in den Weltcup-Zirkus zurück. Die im Zuge der Doping-Enthüllungen des McLaren-Reports seit August 2016 gesperrten Sportler starten bei den Weltcups unter neutraler Flagge. Ob sie auch bei den Paralympics dabei sein dürfen, hat das Internationale Paralympische Komitee (IPC) noch nicht entschieden.

„Die Leistungsdichte in der Weltspitze wird durch ihre Rückkehr enger“, sagt Clara Klug (PSV München). Die 23-jährige Münchenerin war in der Konkurrenz der Sehbehinderten mit zwei Silber- und einer Bronze-Medaille bei der WM eine der Aufsteigerinnen des vergangenen Winters und möchte daran ansetzen. Gemeinsam mit ihrem Heimtrainer und Begleitläufer Martin Härtl (SK Nesselwang) strebt sie seit fünf Jahren den Spielen von Pyeongchang entgegen. Ihr Ziel für Südkorea: eine Medaille.

Interne Konkurrenz bekommt Klug erfreulicherweise durch Vivian Hösch (Ring der Körperbehinderten Freiburg). Wegen gesundheitlicher Beschwerden hat die 26-Jährige die vergangene Saison fast komplett verpasst und freut sich nun auf ihre Rückkehr. „Es war ein schönes Gefühl, wieder auf Schnee zu stehen“, schwärmte Hösch nach den jüngsten Trainingseindrücken. Als Guide an ihrer Seite läuft wie gehabt Florian Schillinger (SV Baiersbronn). Bei den Männern mit Sehbehinderung wollen Höschs Vereinskollege Nico Messinger und dessen neuer fester Begleitläufer Lutz Klausmann (SV St. Georgen) nachweisen, dass ihre Zusammenarbeit fruchtet. Die war allerdings zuletzt wegen einer hartnäckigen Verletzung an Messingers Bein beeinträchtigt. „Wir müssen abwarten, wie es unter Wettkampfbelastung läuft“, sagt der 22-Jährige.

Die Dauerläuferin Eskau ist hungrig 

Bei den Frauen sitzend hat Ralf Rombach in Andrea Eskau (USC Magdeburg) ein heißes Eisen im Feuer. Die 46-jährige Elsdorferin hat sich seit ihrem Doppel-Gold mit dem Handbike im Sommer bei der Para-Rad-WM in Südafrika intensiv auf den Winter vorbereitet, zuletzt drei Wochen lang mit Alt-Bundestrainer Werner Nauber in Livigno (Südtirol), wo vor allem Biathlon auf dem Trainingsplan stand. Nun ist die Seriensiegerin fit und hungrig. „Die Betreuung durch Werner war erstklassig. Ich bin mit der Vorbereitung sehr zufrieden“, sagt sie. Anja Wicker vom MTV Stuttgart will ihre Leistungen der vergangenen Jahre ebenfalls bestätigen. 2014 wurde sie aus dem Nichts in Sotschi Paralympics-Siegerin. Seitdem ist sie eine feste Größe in der Weltklasse. In Canmore startet sie im neuen, spürbar leichteren Schlitten und freut sich auf bislang unbekannte Strecken. „Die Norm für PyeongChang sofort zu knacken, wäre beruhigend“, sagt sie. 

Bei den Männern stehend ist das deutsche Team in diesem Winter wieder mit mindestens zwei Athleten vertreten. Steffen Lehmker aus Bad Bevensen geht in seine zweite volle Saison. Nach einem Vereinswechsel startet er nun für den WSV Clausthal-Zellerfeld und feilte mit Trainer Toni Schmidt vor allem am Schießen, der Ausdauer und der Technik. „Ich habe viel investiert, um voranzukommen und habe ein gutes Gefühl“, sagt er. Mächtig Druck hat Lehmker von einem Neuling in der Mannschaft bekommen. Der 48-jährige Alexander Ehler (SV Kirchzarten) war Ende der 1980er eines der größten Biathlon-Talente in seiner Heimat Kasachstan, bevor ein Motorradunfall seine Karriere jäh beendete. Nach jahrzehntelanger Pause hat der Vater der Mannschafts-Europameisterin im Degenfechten der Juniorinnen 2015, Alexandra Ehler, seine alte Leidenschaft neu entdeckt und mit Michael Huhn trainiert, im deutschen Para Ski-nordisch-Team für den Nachwuchs zuständig. Der zeigt sich beeindruckt von Ehlers körperlicher Verfassung und seinen technischen Fähigkeiten. „Er ist ein Allrounder. Ich kenne niemanden, der in seinem Alter noch so ein Niveau hat“, sagt Huhn.

Ein dritter deutscher Steher muss sich derweil weiter gedulden. Marco Maier (SK Nesselwang), dem das IPC vor einem Jahr nach einer medizinischen Neubewertung die Starterlaubnis entzog, stellt sich im Januar erneut den Regelhütern. Der deutsche Teamarzt Lars Meiworm will bei der Klassifizierung in Oberried Ende Januar nachweisen, dass die Entscheidung des IPC nicht richtig war. Sein Weltcup-Debüt soll dann auch Patrik Fogarasi feiern. Der 42-jährige Sitzskiathlet vom WSC Oberwiesenthal kommt vom Para Kanu und will sich künftig im Winter mit seinen Ausdauerfähigkeiten einbringen.

Quelle: Ben Schieler / DBS

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